30. Nov. 2017
Gastkommentar: Meine Alexa ist vielfältig, regional & greifbar

Ellen Braun:

Letztes Jahr haben Ellen Braun und Langendorfs Dienst und die Leipziger Buchmesse in zwei Veranstaltungen die Frage gestellt: Wohin? Läuft? der? Kunde? Auch im kommenden Jahr werden wir in Sachsens Buchstadt das Thema fortsetzen. So viel steht schon fest. Bis dahin schreiben wir schon mal auf, was uns bewegt. Heute kommentiert Ellen Braun:

 

Möglicherweise war ich noch nicht ganz wach beim morgentlichen Zeitungslesen. Zumindest rieb ich mir verwundert die Augen: meine Tageszeitung versprach mir beim Abschluss eines Abonnements u.a. „Das neue Amazon Echo“. Am Frühstückstisch eine halbe Stunde später erwähnte meine Tochter, dass nun eine Autorin in der Schule gewesen sei und sie bei ihr auch direkt ein Buch bestellt habe. Der dazugehörige Zettel wies einen Verlag aus und ich erhielt noch den Hinweis, dass fast alle Mitschüler ein Buch bestellt haben. Nun freue ich mich natürlich sehr über die Lesefreudigkeit von Grundschülern, kann allerdings mein Erstaunen nicht verhehlen. Vor ein paar Wochen lernten genau diese Grundschüler nämlich den Zusammenhang zwischen Einnahmen und Ausgaben einer Stadt im Fach Heimat- und Sachkunde. Eine wesentliche Einnahme ist bekanntlich auch die Gewerbesteuer, die von den Gewerbetreibenden der Stadt bezahlt wird. Auch von den Einzelhändlern einer Stadt, z.B. dem regionalen Buchhändler. Doch diesen wird das Geschäft nach den beiden Beispielen sehr schwer gemacht.

 

Zugegeben es ist eine Herausforderung diese Zusammenhänge darzustellen ohne den Zeigefinger zu erheben. Oder dem Eindruck des Old-Fashion zu erliegen. Ich finde die Digitalisierung wunderbar, doch ich schätze auch das analoge Geschehen.

 

Der Einzelhandel leidet unter dem Kundenschwund. Jetzt kann man sagen „selber schuld“, „der Einzelhändler hat die Entwicklung verschlafen“, „die tun nix“, „ich bekomme keine Parkplätze“, „ich weiß ja nicht, ob die das dahaben“, „die sind so unfreundlich“, usw. Ja, Gründe sind da. Es gibt diese Einzelhändler. Und es gibt aber auch ganz viele andere. Kleine unabhängige Läden,

  • die ihren Job einfach verdammt gut machen und von 9.00 bis 20.00 Uhr (das sind 11 Stunden!) den Laden für ihre Kunden aufmachen, von Montag bis Samstag.
  • die einen Onlineshop 24 Stunden geöffnet haben. Per facebook, instagram, whats app & co. versuchen, die Kunden zu inspirieren.
  • die mit Leidenschaft & Herzblut die Waren aussuchen, dekorieren, präsentieren, umdekorieren, verkaufen, nachordern.
  • die Aktionen und Veranstaltungen organisieren, damit wir Kunden eine Vorstellung von dem bekommen, was sonst noch möglich ist.
  • die Gewerbesteuer am Ort zahlen, nicht in einer Off-Shore-Oase.
  • und die vor allem Arbeitsplätze schaffen für sich und viele Mitarbeiter in einem Familienunternehmen.

 

Neben dieser Personalverantwortung gehen sie meist einen mehrjährigen Mietvertrag mit einem hohen finanziellen Risiko ein. Die Händler dürfen auch unsere Kundenlaunen ertragen und lächeln, wenn Kunden im Laden stehen, die Preise online vergleichen und verhandeln. Denn die Händler haben es ja. Die Spannen müssen immens sein. Gewiss: manchmal ist es so, und manchmal ist es ein riesiger Verlust. Das ist so in der Wirtschaft.

 

Doch stellen wir uns doch mal vor, die vielen Läden in unserer Stadt sind irgendwann mal weg. Weil sie sich nicht mehr rentieren, weil sich kein Nachfolger findet. Diese Horrorszenarien muss ich nicht nochmal beschreiben, die sind genug im Netz unterwegs.

 

Die Folgen spüren wir Kunden noch nicht. Aber vielleicht bald. Die Paketdienste haben inzwischen Probleme, Fahrer zu bekommen. Und wenn diese unterwegs sind, dann verstopfen sie schon jetzt die Verkehrswege, die zukünftig sowieso nicht mehr saniert werden können aufgrund fehlender Einnahmen. Aber das ist ja irgendwann vielleicht mal unnötig und die Fahrer braucht es ja auch vielleicht gar nicht mehr. Dann kommen endlich die Drohnen zum Einsatz und bringen die Päckchen, lassen es als Paketbombe in den Garten fallen. Der Nikolaus im neuen Format. Hurra. Alexa, Siri & Co. machen es möglich und viele helfen mit, damit sie groß werden und unsere Innenstädte sich schnellstens verändern.

 

Ich mag die Vielfalt und genieße den kleinen Schnack mit der Gemüsefrau am Markt. Per Whats app ist die Spielwarenhändlerin Expertin für meine Weihnachtsgeschenke und packt dies auch noch in Geschenkpapier ein. Der Optiker hat eine irre Auswahl und es macht einfach Spaß, im Laden die Brille bei einer Tasse Kaffee zu probieren. Die Batterien werden beim Uhrenhändler gewechselt und selbstverständlich reinigt er auch noch das Innenleben der Uhr. Der Buchhändler meines Vertrauens weiß, was ich gerne lese, und der Käsehändler stellt mir die richtigen Käsesorten für mein Fondue zusammen. Einfach so.

 

Meine Alexa ist vielfältig, greifbar und regional. Menschlich und herzlich. Sie kennt mich und ich habe Vertrauen. Sie heißt Sabine oder Georg, Angie oder Stefan. Meine Alexa denkt für mich mit nach den Algorithmen des menschlichen Umgangs, gestaltet meine Stadt in der ich lebe, finanziert meinen Lebensort durch die Steuern am Ort und hilft auch mal mit Tombolapreisen für die Schule. Ich finde, dass ist ganz schön viel und dafür sage ich: DANKE. Ich komme bald wieder vorbei, bei Sabine und Georg, Angie und Stefan.

Ellen Braun

 


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